Mittwoch, Juli 15, 2009

San Fermín

Jedes Jahr vom 6. bis zum 14. Juli wiederholen sich im spanischen Pamplona die Feierlichkeiten zu Ehren des Heiligen San Fermín. Die größte Aufmerksamkeit während der Sanfermines erhält weltweit der encierro, der Stierlauf.
Dieses Schauspiel ist blutig, gefährlich, und für den tierliebenden Durchschnittsmitteleuropäer schwer nachzuvollziehen.

Auch in diesem Jahr lockten die Sanfermines wieder tausende Zuschauer und Läufer (mozo) aus aller Welt an. Jahr für Jahr steigt auch das mediale Interesse an den Stierläufen - nichtzuletzt weil spektakuläre Bilder und Videoaufnahmen garantiert sind. Garantiert sind auch Verletzungen. Allein in diesem Jahr waren es 446 Verletzte, acht davon schwer, und - nach sechs Jahren - auch ein Toter. Insgesamt kamen seit 1924 bis heute 15 Menschen ums Leben - was angesichts solcher Szenen eine verhältnismäßig niedrige Zahl ist.

Zu weltweiter Aufmerksamkeit kamen der Stierlauf in Pamplona durch Hemingways Roman "Fiesta" (unter dem Originaltitel The Sun Also Rises im Jahre 1926 erschienen).

Ich finde es immer etwas befremdlich, wenn man sich als Außenstehender mit solchen Traditionen beschäftigt und diese ohne jeden persönlichen Bezug kritisiert und verurteilt.
Sechs Stiere pro Tag werden am Ende eines jeden Tages im Stierkampf getötet. Ob das sein muss, darüber kann man streiten - auch in der spanischen Gesellschaft ist der Stierkampf mittlerweile ein zwiespältiges Thema.
Aber es ist doch etwas verlogen sich den Schutz der Stiere auf die Fahnen zu schreiben, und den dreiminütigen Lauf eines solchen Tieres als brutale Quälerei zu geißeln, wenn man andererseits Massentierhaltung auf engstem Raum durch den Konsum von Kaninchen, Schweinen und Geflügel legitimiert. Hundehalter und Vogelbesitzer, die sich für tierlieb halten, dabei aber keinen Schimmer haben, wie man solche Tiere artgerecht hält und mit ihnen umgehen sollte, schütteln angewidert den Kopf und fordern ein Ende des alljährlichen Spektakels - das ist ein bißchen einseitige political correctness für meinen Geschmack. Ich halte mich für einen Tierliebhaber - aber wenn man auf der "Baustelle Tierschutz" anfangen will, gibt es weiß Gott dringendere Fälle als der Stierlauf von San Fermín.

Freitag, Juli 10, 2009

Zitat des Tages

"Manchmal kommt es mir vor, als wanderte ich durch die Welt, bloß um Material für zukünftige Nostalgien zu sammeln."


Vikram Seth

Dienstag, Juni 09, 2009

Wahlpflicht

Die Wahlbeteiligung bei der Europawahl am vergangenen Sonntag war mit 43,55 Prozent noch niedriger als beim Negativrekord im Jahre 2004 (45,5 Prozent). Aufgrund dieser schwachen Quote fühlen sich einige Herren Politiker nun dazu berufen, gegensteuern zu wollen. Das wäre durchaus löblich, wenn die Konsequenz daraus die wäre, sich an die eigene Nase zu fassen und mal darüber nachzudenken, warum man dem potenziellen Wähler entweder die Bedeutung des Europäischen Parlaments oder - vermutlich vielmehr noch - die eigene parteipolitische Marschroute einfach nicht vermitteln kann. Vielleicht ist mittlerweile die Enttäuschung über unsere Parteienlandschaft so tief durch die komplette Gesellschaft gedrungen, dass man den Damen und Herren schlichtweg ohnehin nicht mehr glaubt, geschweige denn weiß, wofür sie eigentlich stehen?

Nun fordert Jörn Thiessen, Bundestagsabgeordneter der SPD, eine finanzielle Bestrafung derjeniger, die nicht zur Wahl gehen. 50 Euro Strafgeld - so wie es die Belgier machen - hält Thiessen für eine gute Idee.
Eine solche Verfahrenweise garantiert zwar, dass Menschen zur Wahlurne schreiten, aber eben nicht dass sie auch ordnungsgemäß wählen. Denn wie auch Herr Thiessen wissen müsste, kann ich in meiner Wahlkabine Kreuze machen, Strichmännchen malen oder schlicht nichts dergleichen tun und einen "unberührten" Wahlzettel abgeben.
Vielmehr sollten sich doch unsere Parlamentarier hinterfragen, warum sie es einfach nicht schaffen das Wählerpotenzial dieses Landes zu mobilisieren?

Jemand schrieb heute bei abgeordnetenwatch an Herrn Thiessen:

Allerdings denke ich auch, dass es auch zu einer parlamentarischen Demokratie gehört, dass Menschen das Recht besitzen, selbst zu entscheiden ob sie wählen gehen oder nicht. Zudem glaube ich, dass ein Wahlzwang den gegenteiligen als den gewünschten Effekt erzielen würde: Verärgerte Nichtwähler, die wahrscheinlich durch ihren Ärger eher zu Protestwählern werden würden. Dies kann nicht in Ihrem Sinne und nicht im Sinne der parlamentarischen Demokratie sein.


Blogeinträge zum gleichen Thema: Herr Liebreiz sieht das so. Und Dr. No so und so.


Samstag, Mai 30, 2009

Krakau


Relativ spontan haben wir uns dazu entschlossen für mehrere Tage Krakau zu besuchen. Da kam uns das two-for-one-Angebot der Fluggesellschaft Air Berlin sehr entgegen. Ich bin ein großer Freund kulturhistorisch bedeutender Städte, zumal dann wenn sie in ihrer Bausubstanz weitestgehend erhalten werden konnten. Die südpolnische Metropole Krakau ist im letzten Weltkrieg von Luftangriffen und Kriegszerstörung verschont geblieben, und somit gleicht ein solcher Besuch immer auch einer Reise durch die Zeit. Doch "das Juwel Polens" war mehr als nur ein Augenschmaus, vor allem die Polen haben es uns angetan.

Zugegeben, für den deutschen Touristen mag Polen nicht gerade das Reiseziel Nummer Eins sein, und vor Abflug wurden wir dann auch mit dem ein- oder anderen klassischen Vorurteil gegenüber unseren polnischen Nachbarn konfrontiert: "Lasst Euch nicht beklauen!", "Passt gut auf Eure Sachen auf!" etc. Über den Umweg Berlin mit einer Propeller-Maschine in Krakau angekommen, mussten wir feststellen, dass die erste Information in unserem Reiseführer mit der Realität nicht so ganz übereinstimmt. Die angekündigten Buslinien fuhren nicht nach Krakau, sondern nur circa 100 Meter weiter zu einer Bahnhaltestelle - diese Strecke kann man getrost auch zu Fuß gehen (rechts am Flughafenausgang der Straße folgen), will man nicht eine halbe Stunde im stehenden Bus warten. Die im Flughafenkiosk erstandenen Bustickets für umgerechnet 20 Cent waren also überflüssig, und man konnte sogar problemlos die Zugfahrkarte beim Schaffner im Zug nachlösen (16 Zloty). Die Fahrkarten, die wir zurück zum Flughafen erstanden haben, waren seltsamerweise 4 Zloty teurer. Der Berufsstand Schaffner ist in Polen noch in allen Zügen anzutreffen - bei uns in Deutschland sind es ja fast nur noch Kontrolleure. Auch wenn die Polen ihre Bahn nun wirklich nicht mögen, für uns Deutsche erwacht hier der ursprüngliche Charme dieses Verkehrsmittels aufs Neue. Züge, bei denen man noch das Fenster öffnen kann, mit kleine Gardinen an den Fensterseiten, außerdem ist das gute alte Zugabteil hier noch nicht vollends den Großraumabteilen gewichen. Der Zug in die Stadt war allerdings moderner Bauart, eher eine Art S-Bahn, und bummelte über zahlreiche unbeschrankte Bahnübergänge ungefähr 15 Minuten lang durch die Landschaft, bevor wir in Krakau eintrafen.

Die ersten Minuten in einer unbekannten Stadt eines fremden Landes, und man fühlt sich wie der erste Mensch - all seinen Fähigkeiten in den Bereichen Orientierung und Kommunikation beraubt. Diese Phase weicht dann schnell einem unbekümmerten Aktionismus, der in unserem Falle dann auch recht zügig mit dem Auffinden unseres Hotels von Erfolg gekrönt war. Das Stadtzentrum ist von einem hübschen Grüngürtel ("Planty") umgeben, in dem man beim Spazierengehen Gefahr läuft, von auf den Bäumen sitzenden Vögeln angeschissen zu werden - ist mir auch passiert, aber das soll ja bekanntlich Glück bringen.

Der Punkt an dem alles zusammenläuft ist der Marktplatz Krakaus. Unweit des Hauptbahnhofs kommt man vom Einkaufs-Center (ja, leider hat auch hier ECE Projektmanagement zugeschlagen und diesen hässlichen Glaspalast vor den Bahnhof gesetzt) über den sehenswerten Mateijki-Platz auf einen Wehrrundturm zu (Barbakane, der größte gotische Wehrturm Europas), umgeht diesen und durchquert das dahinter liegende Florianstor. Die Straße auf die man dann gelangt, die Florianska, mündet direkt in den Marktplatz, Europas größtem mit 200 x 200 Metern. Steffen Möller schreibt in "Viva Polonia", dass man genau hier die beste Möglichkeit hat, die Polen kennenzulernen. Zahlreiche Cafés laden einen zum Verweilen ein, den besten Kaffee tranken wir im Art Café. Voh hier aus lassen sich die betriebsame Hektik der Angestellten, die schlendernden Touristen, Pferdekutschen, Tauben - die der Sage nach eigentlich Ritter sind, Gaukler und Verkäufer, Professoren und Studenten beobachten - und in der Mitte die Tuchhallen, in deren Läden Kunsthandwerk feil geboten wird und in denen das berühmt Café Noworoslki zuhause ist. Gesäumt wird der Platz von beeindruckenden Bürger-Häusern mit friesverzierten Fassaden.
Ich erspare mir jetzt all die Details über Sehenswürdigkeiten der Stadt - das kann man alles im Reiseführer nachlesen. Kurz: Mit einem solchen Reiseführer in der Hand, und wenn man halbwegs gut zu Fuß ist, kann man alles bequem per pedes und ohne kostenintensiven "Tourist-Guide", von denen Horden am Ende der Florianska auf ihre Klientel warten, innerhalb von einer Woche bequem abklappern.

Krakau bietet südländisches Flair, eine Fülle an absolut sehenswerten kulturhistorischen Höhepunkten (5000 historische Bauten und Kulturdenkmäler), hervorragende und preiswerte Restaurants mit beeindruckendem Interieur, und unzählige Clubs und Bars, die nicht minder ansprechend eingerichtet sind. Die Hygiene der Toiletten lässt allerdings zu wünschen übrig - meist werden die Toiletten von Männern wie Frauen gleichermaßen benutzt. Wenn es doch eine Unterscheidung gibt, dann ist sie mit einem Dreieck (für Männer) und einem Kreis (für Frauen) gekennzeichnet. Davon stand übrigens nichts im Reiseführer - aber das Dreieck schien mir naheliegend zu sein.
Mit Englisch und Deutsch kommt man in der Touristenmetropole prima zurecht. Bemerkenswert viele Engländer und Iren sind in Krakau anzutreffen - was aber keinesfalls so abschreckend ist, wie es sich vielleicht anhören mag.

So viele Kirchen wie in dieser Stadt sind mir noch in keiner anderen aufgefallen. Das Innere dieser Gotteshäuser ist absolut sehenswert, allerdings muss man ein wenig Geduld aufbringen, will man nicht in eine der zahlreichen Messen platzen. Die imposanteste ist die Marienkirche auf dem Marktplatz und die Kathedrale in der Burg auf dem Wawel. Montags sind die Museen geschlossen, dafür strömen dann Legionen von polnischen Schulkindern durch die Stadt. Je länger man in Krakau verweilt, desto mehr entdeckt man - es lohnt sich also auch abseits der Touristenrouten in Seitenstraßen einzubiegen.

Thema Sicherheit - Ich habe mich auch abseits der bevölkerten Straßen und spät abends nirgends unsicher oder gar bedroht gefühlt. Wir sind nicht einmal von irgendwelchen Obdachlosen angesprochen oder angebettelt worden. Nichts dergleichen.
Szenen wie sie sich ab Einbruch der Dunkelheit auf den Kölner Ringen oder in Kölner U-Bahn-Stationen abspielen, Fehlanzeige! Die Stadt war auffallend sauber, ebenso wie die öffentlichen Verkehrsmittel. Polizei war zwar präsent, aber auch nicht übertrieben zahlreich unterwegs. Kurz: In Köln fühle ich mich bei weitem unsicherer und halte die Atmosphäre in der Rheinmetropole für aggressiv - nichts davon war in Krakau zu spüren. Die Polen sind höflich, wenngleich sie einem auch nicht unbedingt auf dem Gehsteig aus dem Weg gehen - man muss sich schon mal durchsetzen, will man nicht angerempelt werden. Am eklatantesten war für mich die Tatsache, dass uns niemand blöd beglotzt hat - was hier in Deutschland ständig vorkommt (M. ist 1,87 groß - das fällt auf!). Der Autor Steffen Möller erwähnte in "Viva Polonia", wie er als Wehrmachtssoldat verkleidet in Warschau herumlief, ohne dass man groß Notiz von ihm nahm. Mich erinnerte diese Anekdote an meine Verwunderung über die fehlende Glotzerei. Wenn man freundlich mit den Polen umgeht, bekommt man diese Freundlichkeit doppelt zurück, aber das ist wohl überall auf der Welt so.

Polnische Mädchen und Frauen sind größtenteils sehr elegant und geschmackvoll angezogen - mit Masse sind sie auch schlank, trotz der doch sehr fetthaltigen polnischen Küche. Sonntags kleidet man sich noch stilvoll, bevor man auf die Straße geht. In Deutschland gibt es das nicht mehr. Auch die vielen polnischen Schulkinder machten allesamt einen sehr wohlerzogenen Eindruck - in Deutschland 2009 undenkbar. Gruppen in diesen Größenordnungen könnten von deutschen Lehrern gar nicht mehr gebändigt werden. Ich habe den Eindruck, dass die Polen irgendetwas richtig machen, oder wir Deutsche irgendetwas sehr falsch.

Die teils maroden Häuserfassaden Krakaus mögen den akkuraten Deutschen vielleicht abschrecken, für mich machen sie den Charme dieser alten Stadt aus. In einigen Dingen nehmen es die Polen halt nicht so genau - auch das eher ein charmanter Wesenszug, wie ich finde. Unser Blick aus dem Hotel wurde übrigens dominiert von der bemerkenswerten Investitionsruine, dem unvollendeten Hochhaus Szkieletor, das nunmehr von zahllosen Tauben und Schwalben angeflogen wird.
Geparkt wird, wie es passt, auch wenn man dabei mit dem halben Auto auf der Straße steht. Will man als Fußgänger die Zebrastreifen überqueren, muss man einfach gehen. Wer stehen bleibt, verliert - die Autos fahren dann einfach weiter.

Ein Besuch in Krakau ist auch eine Begegnung mit Kunst. Musiker, Maler, Literaten bevölkern die Stadt. Unzählige Bars und Clubs bieten Live-Musik. Ein schönes Mitbringsel ist eines der Bilder von Kunststudenten, angeboten am Florianstor. Ansonsten findet man überall den üblichen Kitsch und Kokolores, den man Touristen halt so anbietet.

Für uns Deutsche ist Krakau natürlich auch eine Begegnung mit unserer eigenen Geschichte. Der deutsche Gouverneurssitz nach der Polen-Besetzung war Krakau, und unweit der Stadt liegen die ehemaligen Lager Ausschwitz I und II (Birkenau). Ein Spaziergang durch das jüdische Viertel und das ehemalige Krakauer Ghetto weckt befremdliche Gefühle - allerdings nicht nur als Deutscher, sondern als Mensch. Hier wurde übrigens auch Spielbergs Schindlers Liste gedreht, unweit der Fabrik des Oskar Schindlers.

Natürlich ist der Himmel über Krakau nicht blauer, als der hiesige, aber trotzdem hat mir Vieles weit besser gefallen, als es hier bei uns der Fall ist. Es hat etwas von der guten alten Zeit, die man in Deutschland heutzutage vermisst. Ich bin mir aber ganz und gar nicht sicher, ob die Polen das wirklich zu schätzen wissen. Dabei muss man bedenken, dass diese sehr alte Stadt eine extrem junge Bevölkerung hat - der Anteil junger Menschen ist vergleichsweise hoch (60% sind jünger als 45 Jahre), und die Stadt beherbergt mehrere zehntausend Studenten. Interessant sind auch die kommunistischen Überbleibsel, wie die winzigen Zigarettenkioske oder der in Hotels angebotene Pulverkaffee. Ansonsten findet man natürlich auch in Krakau McDonald's & Co.

Die Stadt an der Weichsel ist absolut sehens- und bereisenswert. Es wird garantiert nicht mein letzter Besuch dort gewesen sein. Ein paar Tage reichen aus, und man hat schon viel gesehen. Eine Woche Urlaub vor Ort halte ich für das optimale Zeitfenster. Abgesehen davon kann man in Krakau auch sehr günstigen Urlaub verbringen. 25 Euro pro Kopf am Tag, mit reichlich Getränken und zwei warmen Speisen, dazu Eintrittsgelder und Geld für kleine Souvenirs, reichen absolut aus. Nicht missen sollte man die traditionelle polnische Küche (Bigos und Pirogi!).


Eigentlich wollte ich hier ein paar der mehr als 100 geschossenen Fotos veröffentlichen - jedoch hat keines der Bilder überlebt. Das ist bitter. Jetzt muss ich schon allein zum Fotografieren nochmal nach Krakau.

Literatur-Tipp über Polen und die Polen:
Viva Polonia, Steffen Möller, Fischer Verlag.

Must-sees in Krakau:
Altstadt, Marktplatz, Tuchhallen, Marienkirche, Grunwald-Monument, Peter-und-Paul-Kirche, Königsschloss mit Kathedrale, Kazimierz-Viertel, St.-Katharinen-Kirche, Bernhardinerkirche, Planty-Rundgang, Adam-Mickiewicz-Statue, Rathausturm, St.-Annen-Kirche, Florianstor, Barbakane, Slowacki-Theater, Dominikaner-Kirche, Weichsel-Ufer.